Hattinger Kreuz-Weg
2012
Station 4 Synagogenplatz
Station 4 Synagogenplatz

Station 4
Thema:    "Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus"
Standort:  Synagogenplatz
             
A.-Bebel-Str./BAhnhofstr. (hier finden Sie den Standort 4)

Am Mittwoch, 14. März 2012, wurde das Kreuz zur 4. Station des Hattinger Kreuz-Weges 2012 von Schülerinnen und Schülern der Realschule Grünstraße getragen.

Beteiligte Klassen beim Umsetzen des Kreuzes:
10 Ev. Religion + Kath. Religion, Chor-Schüler und Schüler Kl.8

Einen Eindruck von den ersten Metern dieses Weges bekommt man hier.



Die Realschule Grünstraße hat sich einen geschichtsträchtigen Ort gesucht für „ihre“ Station: Den Ort, an dem die kleine Synagoge der israelitischen Kultusgemeinde gestanden hat. Sie wurde 1938 in der Reichspogromnacht niedergebrannt. Heute führt die August-Bebel-Straße über das Gelände der Synagoge. Das orangefarbene Kreuz, wie es jetzt dort steht, bringt eine Verbeugung zum Ausdruck.

Denn wir möchten hinsehen auf den Gedenkstein, die Stolpersteine, die Straßennamen, wir möchten erinnern an die Synagoge, möchten von unerträglichen Anfeindungen, Benachteiligungen und Grausamkeiten erzählen. Und wir möchten fragen, was heute ist und wo heute Ausgrenzung vorkommt. Das Kreuz, an dem der Jude Jesus hing, dessen Arme für alle offen waren, ist bleibende Mahnung.

Beim „Treffpunkt Kreuz-Weg“ am Freitag, 16.3., 14 Uhr, haben die Schülerinnen und Schüler die Menschen aus Hattingen eingeladen, vor Ort eine kleine Pause einzulegen und mit ihnen an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu denken.

Verantwortlich für die Texte & Inszenierungen zum "Treffpunkt":
10 a c e Ev. Religion mit Frau Nockemann;
8 c d Ev. Religion mit Frau Nockemann;
Chor mit Frau Lingemann.

Besonderer Dank gilt Thomas Weiß, Stadtarchiv Hattingen, für die Unterstützung bei der Recherche.






1. Ausgrenzung

Sichtbare Zeichen der Ausgrenzung:

1. Juden

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Juden öffentlich aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Eine Polizeiverordnung von 1941 besagte, dass Personen ab sechs Jahren den gelben Judenstern auf ihrer linken Seite in Herznähe aufgenäht tragen mussten. Die Betroffenen durften ihren Wohnort nicht ohne polizeiliche Genehmigung verlassen. Verstöße wurden durch Geldbußen, Haftstrafen und Überführung in Konzentrationslager geahndet.

2. Strafgefangene


Strafgefangene tragen oftmals einheitliche und auffallende Kleidung. Man kann diese leicht erkennen, das Material ist kostengünstig und entspricht nicht der normalen Mode. Die Kleidung ist eine Sicherheitsmaßnahme gegen Ausbrüche. Die eigene Person wird herabgewürdigt.

3. Lepra-Kranke

Lepra ist eine Hautkrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Der ursprüngliche Name der Krankheit ist Aussatz. Zunächst bilden sich auf der Haut Flecken und Knoten, dann bilden sich Nerven und Muskeln zurück. Im Mittelalter wurden die Kranken ausgesondert. Sie bekamen einen Siechenumhang, einen Bettelsack und eine Klapper.

4. Brandmarkung

Normalerweise gelten Brandzeichen zur Kennzeichnung von Rindern und Pferden. Aber auch Menschen wurden gebrandmarkt. Seit der Antike bis hin ins 19. Jahrhundert wurden Sklaven und Verbrecher mit diesem Stigma gekennzeichnet. Bei den Römern erhielten z. B. entlaufene Sklaven ein F für fugitivus. Zwangsarbeiter in Bergwerken bekamen ihre Zeichen nicht im Gesicht sondern an Händen und Ohren.

5. Dunkle Hautfarbe

Anfang des 17. Jahrhunderts wurden wahrscheinlich die ersten Afrikaner in das Gebiet der heutigen USA gebracht. Sie waren Sklaven auf den Plantagen und Hausgehilfen. Besonders im Norden versuchte man, die „Heiden“ zu missionieren und das Brauchtum zu bekämpfen.






Kommentare, Rückfragen oder Eindrücke zu den Erarbeitungen bitte hier.


Chorlied:

Kumbaya, my Lord, kumba yah.                Komm zu uns Herr, komm zu uns.

Someone`s singing, Lord.                          Jemand singt.

Someone`s shouting, Lord.                       Jemand ruft.

Someone`s dancing, Lord.                        Jemand tanzt.

Someone`s hoping, Lord.                          Jemand hofft.

Someone`s praying, Lord.                         Jemand betet.




Zoe, Emilie und Katharina treffen sich nach der Schule in einem Café

Emilie:       Oh, Leute ich muss noch Reli Hausaufgaben machen.

Zoe:          Du freust dich ja unheimlich! Worum geht`s denn?

Emilie:       Wir haben gerade das Thema Rassismus.

Katharina:  Was ist das denn?

Emilie:       So, wartet mal, ich lese euch vor, was ich schon dazu gefunden habe.

Rassismus
Rassisten gehen davon aus, dass man die Menschen in verschiedene Rassen einteilen kann. Zumindest glauben die Rassisten, sie gehörten einer besseren und wertvolleren Rasse an als die meisten anderen Menschen. Das nennt man Rassismus.
In der Zeit des zweiten Weltkrieges hat der Rassismus schreckliche Folgen angenommen. Hitler behauptete, die Angehörigen der jüdischen Religion seinen eine Rasse – und zwar eine minderwertige.
Er wollte sie vernichten. Alle Menschen, die nicht das Recht auf ein Leben haben.
Hitler hat sechs Millionen Menschen umgebracht – auch Kinder. Viele davon waren Juden, aber auch andere, denen er das Recht auf Leben absprach: Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, … .
In der Geschichte der Menschheit war das der Rassismus mit den schlimmsten Auswirkungen. Aber auch in anderen Ländern gab es Rassismus. So hat man zum Beispiel vor hundert Jahren versucht, das gesamte Volk der Armenier zu töten.
Und in den USA gab es Rassismus. Dort glaubten viele Menschen mit weißer Hautfarbe lange Zeit, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe weniger wertvoll seien als die Weißen. Menschen mit schwarzer Hautfarbe mussten für die Weißen arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Man durfte sie sogar schlagen und verkaufen.
Heute weiß man, dass das nicht richtig war. Weiße und schwarze Menschen sind in den USA inzwischen gleichberechtigt.
Heute ist sogar ein Mann mit dunkler Hautfarbe Chef der USA: Barak Obama.
(Text Alina Lorenz)

Katharina:  Gibt es denn heute auch noch Rassismus?
Emilie:       Ja klar, ich hab‘ sogar eine passende Geschichte dazu geschrieben.

Eine Geschichte – Rassismus im Alltag

Als die beiden Freunde Ali und Mohammed nach dem Konzert nach Hause kehrten, gingen sie durch eine dunkle Gasse in Berlin. Mohammed bekam Angst. Ali lachte ihn aus, aber als ihnen eine Bande Jungen entgegen kam, bekam auch Ali Angst. Er kannte die Jungs aus der Schule. Wie er gehört hatte, sollten sie recht ausländerfeindlich sein. Ali und Mohammed versuchten zu fliehen, aber von hinten kamen immer mehr von ihnen.
Die Jungs fingen an, laut zu werden und warfen Ali und Mohammed Vorurteile an den Kopf „Ihr Türken habt in unserem Land nichts zu suchen! Kehr dahin zurück, wo ihr hergekommen seid!“ Sie fingen an, wild drauf los zu schlagen und Ali und Mohammed wollten sich wehren, aber hatten zu viel Angst.
Sie schlugen so fest, dass Ali und Mohammed anfingen zu weinen und nur noch rot sahen. Ali rief nach Mohammed, aber er hörte nur sein Geschrei. Auf einmal hörten die Jungen auf zu schlagen. Ali meinte, es sei vorbei. Dann als er seine Jacke nass werden spürte und es nach Benzin roch, bekam er noch mehr Angst.
Auf einmal wurde es sehr ruhig und sie hörten nur noch ein Klicken. Sie waren zu schwach, um sich gegen die Flammen zu wehren und beide fielen in Ohnmacht.
Ihre Familien machten sich große Sorgen um ihre Söhne, denn sie hatten zwei Tage lang nichts mehr von ihnen gehört. Sie waren schon bei der Polizei und haben dort Bescheid gesagt. Als sie in etwa erfuhren, was geschehen war, fuhren sie sofort ins Krankenhaus.
Man sagte den beiden Familien dort, dass Ali mit schweren Verletzungen und starker Gehirnerschütterung noch ziemlich Glück hatte. Mohammed überlebte diese Auseinandersetzung leider nicht. Seine Familie war am Boden zerstört. Seine Mutter weinte und sein Vater war wütend!
„Wieso sein Sohn?“ fragte er sich. „Was für einen Grund hatte die Bande? Nur weil sie aus einem anderen Land kommen? Ob schwarz, weiß, ob Asiate, Afrikaner, ob klein oder groß: Jeder Mensch ist gleich!“

(Text Alina Lorenz)

                        (Pause)

Zoe:           Ich hätte nie gedacht, dass es heute noch so was gibt.
Aber das trifft sich gut, wir haben das Thema Ausgrenzung.

Katharina:   Euer Thema passt super zu unserem.
In Geschichte beschäftigen wir uns gerade mit Antisemitismus.

Emilie:        Antisemitismus?

Katharina:   Ja, als Antisemitismus bezeichnet man die Judenfeindschaft. Das kann man erkennen in übler Nachrede, aber auch in Diskriminierung, Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung bis hin zum Versuch, die Juden vollständig auszurotten.
Ich habe mir im Stadtarchiv ganz viele Materialien ausgeliehen. Das ist hochinteressant. Hört mal, was da steht: Bevor es eine Synagoge in Hattingen gab, haben die Juden schon in einen Betsaal im Haus eines Schusters angemietet. Und eine jüdische Schule haben sie auch gegründet.

Zoe:           Und ab wann gab es eine Synagoge?

Katharina:   Ab 1871. Zu der Zeit wohnten auch schon 110 Juden in Hattingen, 10 Jahre später schon 147 Juden. Das war schon recht viel, denn in ganz Hattingen wohnten gerade mal 6.500 Menschen! Die Synagoge stand genau hier, wo jetzt die August-Bebel-Straße hergeht.
Hier sind auch Zeichnungen von der Synagoge, schaut mal.

Zoe:           Schade, dass sie 1938 zerstört worden ist!

Katharina:    Kränkungen, Beleidigungen, Demütigungen waren dann an der Tagesordnung. Hört mal, hier berichtet ein sechsjähriges Mädchen, das kurz vor der Einschulung war und eine Schultüte bekommen hat:

„Ich kam zur Schule, als sich Hitler entschlossen hatte, seine Truppen vor die jüdischen Geschäfte zu stellen, damit kein Arier mit den Juden handelt. Meine Mutter und ich kamen mit meiner riesigen Schultüte nach Hause und fanden einen Bekannten unserer Hausangestellten vor unserer Tür in Uniform. Meine Tüte war so schnell aufgemacht und ich bot dem ´lieben Onkel´ meine Süßigkeiten an, zum Entsetzen meiner Mutter. Leider konnte ich nicht verstehen, wieso dieser ´liebe Onkel´ sich so schnell verzog.“


"Stolperstein" auf dem Fußgängerüberweg zur Bahnhofstraße

Katharina: Und hier ist eine Liste von bekannten Juden Hattingens. Eine Familie heißt Urias, die hatten ein großes Kaufhaus in Hattingen, andere Familien hießen Blume, Andorn, Gumpertz,  … . 


Emilie:      Gumpertz, Gumpertz, den Namen kenne ich doch.  … Es gibt doch einen Gumpertzweg bei mir um die Ecke!


Katharina: Die Familie Gumpertz hatte eine große Fabrik in Hattingen. Sie waren recht engagiert, auch politisch engagiert! Später mussten sie ihre Fabrik abgeben und sind in die USA geflohen. Wer konnte, floh.
So ging es 1938 vielen Geschäftsleuten, sie mussten ihre Läden weit unterm eigentlichen Wert abgeben. „Arisierung“ nannte man das.

Emilie:      Da gab es doch die Rassengesetze … .

Katharina: Über die Rechte habe ich auch etwas gefunden: Ab 1941 mussten viele Juden ihre Wohnungen verlassen und in einer alten Gewehrfabrik hausen. Sie durften nur noch zu bestimmten Stunden in die Stadt gehen, mussten ein Judenstern tragen, durften sich nicht mehr auf normale Parkbänke setzten und so weiter.

Zoe:         Schaut mal, hier steht, am 27. April 1942 sind fast alle in Hattingen lebende Juden nach Zamosc in Polen deportiert worden. Ich glaube, das heißt, sie wurden mit dem Zug in ein Lager gebracht. Alle deportierten Hattinger Juden sind später getötet worden, wie furchtbar! Niemand hat überlebt.

Katharina:  Das jährt sich in einem Monat zum 70. Mal!